"La Clemenza di Tito" entstand wohl im Sommer und Spätsommer 1791, wenige Monate vor Mozarts Tod, in unmittelbarer Nähe zur "Zauberflote" und zum "Requiem". Wie um dieses ganze letzte, eher schwach dokumentierte Lebensjahr Mozarts ranken sich auch um "La Clemenza di Tito" Legenden: In nur 18 Tagen soll er das Werk komponiert haben, und die erste, lapidare Reaktion wird von allerhöchster Stelle, nämlich aus dem Mund der Kaiserin überliefert: "Una porcheria tedescha!", soll sie gesagt haben, Diese Äusserung dürfte eine Erfindung sein; trotzdem wirft sie ein Licht voraus auf die künftige Rezeption des Werks, das, nach anfänglicher Ablehnung und einer Phase grosser Beliebtheit, während langer Zeit kaum aufgeführt wurde.
Noch Wolfgang Hildesheimer reiht sich 1977 in diesen erst in jüngerer Zeit langsam verstummenden Kanon der Geringschätzung ein und meint, man verfalle "unfehlbar in ein apologetisches Vokabular", wenn man über diese Oper spreche, die "gewissermassen schon zu ihrer Entstehungszeit ein Relikt" gewesen sei. Tatsächlich überrascht es, dass Mozart sich am Ende seines Lebens nochmals der etwas altersschwach gewordenen Gattung "opera seria" zuwendet: Seine "Clemenza di Tito" ist, von sporadischem Nachleben abgesehen, der glanzvolle Endpunkt dieses Opern-Typs, der das Musiktheater des 18. Jahrhunderts entscheidend geprägt hatte.
Das Werk ist denn auch aus äusserem Antrieb entstanden: Es ist eine Auftragskomposition zur Prager Krönung Kaiser Leopolds II. zum König von Böhmen.

Prozession bei der Prager Krönung Leopolds II.
zum König von Böhmen, September 1791
Diesem höfisch-zeremoniellen Anlass entspricht die Stoffwahl. Denn in den neuen Kaiser, der 1790 seinem verstorbenen Bruder Joseph II. auf dem Thron gefolgt war, setzte ganz Europa höchste Erwartungen, nicht zuletzt aufgrund des aufgeklärten Herrschaftsstils, den er als Grossherzog der Toskana gepflegt hatte. So sollte ihm - rückblickend als Huldigung, vorwärtsblickend als Hoffnung - mit "La Clemenza di Tito" der schmeichelnde "Fürstenspiegel" vorgehalten werden.
Als die Böhmischen Stände am 8. Juli 1791 beim Impresario Domenico Guardasoni die Festoper in Auftrag gaben, schien die Zeit bereits zu knapp, um ein neues Libretto zu beschaffen. Men einigte sich auf eine neukomponierte Oper über das Thema des Tito von Metastasio". Die der römischen Kaiserzeit entnommene Geschichte des unerschütterlich grossmütigen Herrschers hatte für Huldigungszwecke immer wieder gute Dienste geleistet: In der kanonisch gewordenen Fassung Metastasios war sie seit 1734 nicht weniger als 40mal vertont worden, unter anderem von Caldara, Hasse und Gluck. Jetzt verlangte man als Komponisten ausdrücklich "einen berühmten Meister" und gelangte, vielleicht auf Umwegen, an Mozart, der gerade in Prag nach wie vor erhebliches Ansehen genoss. Dieser war zwar mit der "Zauberflöte" beschäftigt, mochte sich aber - notorisch in Geldnöten und sozial zunehmend isoliert - einem so prestigeträchtigen Auftrag von Seiten des Kaisers nicht entziehen.

So begann der Dresdner Hofdichter Caterino Mazzolà, möglicherweise in Zusammenarbeit mit Mozart selbst, das Metastasio-Libretto rigoros umzugestalten. Wahrlich keine leichte Aufgabe, denn die unverholen monarchistische Tendenz der Vorlage Pietro Metastasios, des Grandseigneurs der opera seria, war denkbar unzeitgemäss: In Frankreich betrat man gerade den - vorerst noch unblutigen - Weg zur Abschaffung der Monarchie. Am 14. September, eine Woche nach der Prager Uraufführung des "Tito", hatte König Ludwig XVI. den Eid auf die Verfassung zu leisten.
Aber auch formal war Metastasios Text den musikalischen Bedürfnissen der Zeit in keiner Weise mehr gewachsen. Er ist zwar differenziert und literarisch ausgewogen, speist sich aber aus spätbarocker Weltsicht und ist ebenso kompliziert wie weitläufig. Mazzolà vereinfacht nun radikal. Er streicht die drei Akte auf zwei zusammen und eliminiert die gesamte Nebenhandlung. Aus 25 Arien mit 4 Chören bei Metastasio werden 11 Arien und fünf Chore; dazu kommen Duette, Terzette, ein Quintett und ein Sextett. Das Stereotyp der einsamen Arien-Situation wird aufgebrochen zugunsten agiler Paar- und Gruppenszenen.
Die unprofilierten Charaktertypen der klassischen opera seria kommen zu individuellen, menschlich-allzumenschlichen Zügen; der pathosschwangere, keimfreie Fürstenspiegel wird zur Bühne schlichter, humaner "Psychologie". So bringt Mazzolà, freilich im Rahmen der immer noch beengenden Zwänge, den Text auf den Stand der aktuellen opera seria-Praxis und schafft damit eine akzeptable Plattform für Mozarts musikdramatische Möglichkeiten. Dieser dankt es ihm mit einem Eintrag in sein eigenhändiges Werkverzeichnis: Dort heisst es, Mazzolà habe aus dem Urtext "eine wahre Oper" gemacht.
Die Uraufführung fand, im Rahmen mehrtägiger Feierlichkeiten, am 6. September im Nationaltheater in Prag statt, wo Mozart einst mit "Le nozze di Figaro" und "Don Giovanni" triumphale Erfolge in der Buffa-Sparte gefeiert hatte. Die Aufnahme durch die versammelten Exponenten der Hocharistokratie war eher kühl. Erst in der Folge, als die bürgerliche Offentlichkeit in den Genuss der Vorführung kam, scheint sich doch noch ein gewisser Erfolg eingestellt zu haben, und Mozart schreibt kurz nach der Uraufführung der "Zauberflöte" an seine Frau in Baden: "das sonderbarste dabei ist, das [...] am nemlichen abend in Prag der Tito - zum letztenmale auch mit ausserordentlichen beifall aufgeführet worden - alle stücke sind applaudirt worden".
Der römische Kaiser Titus wurde im Jahr 79 n.Chr. zum Kaiser gekrönt und fiel während seiner kurzen Regierungszeit, die vom grossen Vesuv-Ausbruch und vom Brand Roms überschattet war, durch einen umsichtigen und grossmütigen Regierungsstil auf und wurde nach seinem frühen Tod einer der meistbetrauerten Kaiser überhaupt. Dies war umso überraschender, als in seiner Jugend Brutalität und Verschwendungssucht wenig Gutes hatten ahnen lassen - unter anderem zerstörte er, betraut mit der Niederschlagung des Jüdischen Aufstands, nach langer Belagerung den Tempel in Jerusalem. Nach der Krönung löste er seine Mesalliance mit Berenike auf und wurde bald zum Muster eines weisen und milden Herrschers stilisiert. Solche Milde ("dementia") galt allmählich nicht mehr nur als "Römertugend", sondern, im Sinne monarchischer Selbstzelebrierung, als Herrschaftsprädikat schlechthin. Über Jahrhunderte gefielen sich gerade die Habsburger im Gestus der sprichwörtlichen Herrschermilde, der "Clementia Caesaris". Und jetzt, 1791, mitten in der Krisis des Ancien Régime, als das Vertrauen des Volkes in gutherrscherliche Milde allenthalben ausgedient hatte, sollte also noch einmal - wie zum Trotz - das Lob der Erbmonarchie gesungen werden.
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