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Kultur

Artikel aus der
Stuttgarter Zeitung
vom 28.04.2005

 




 
Mal wieder faschistisch
 
Mozarts "Clemenza di Tito" am Opernhaus Zürich
 
Von Werner Müller-Grimmel
 
Eine ganze Arie lang steht Tito (nicht der einstige jugoslawische Partisanenführer und Diktator, sondern der im italienischen Libretto gleichnamige römische Kaiser Titus) zwischen seinem Leibwächter Publio und dem jungen Patrizier Annio und weiß nicht, was er tun soll. Publio drängt auf sofortigen Vollzug der vom Senat geforderten Todesstrafe für Sesto, der bei einem missglückten Anschlag auf Tito auch das Kapitol in Brand gesetzt hat, während Annio in besagter Arie für den Attentäter bittet, da er der Bruder seiner Braut ist.

Ist Tito hier wirklich verzweifelt über den Verrat seines Freundes Sesto, oder tut er nur so, um Publio hinzuhalten? Entspringt seine anschließend erwiesene Milde echtem Mitleid oder spekuliert er nur auf seinen historischen Nachruhm? Ist er gar ein "Gefälligkeitsdiktator", der wie in Götz Alys unlängst erschienenem Buch über "Hitlers Volksstaat" die Gunst seiner Untertanen durch Wohltaten erkaufen möchte?

Jonathan Miller, der Mozarts vorletzte Oper "La clemenza di Tito" jetzt am Opernhaus Zürich inszeniert hat, lässt das Stück in einem imaginären Duce-Italien der dreißiger Jahre spielen. In der Mitte der Bühne ragt ein grauer klassizistischer Spiralbau empor, von dessen oberer Plattform aus Bodyguards in Faschouniformen das Volk unter sich stets im Blick haben (Ausstattung: Isabella Bywater). Eine hohe, in quadratische Fensterchen unterteilte Glaswand im Hintergrund spendet der düsteren Schwarzweißszenerie Licht und gewährt am Ende des ersten Akts den Durchblick auf das brennende Kapitol (Video: Timo Schüssel).

Miller legt großen Wert auf schauspielerische Details. Selbst wenn die Protagonisten gerade nur zuhören, sind ihre Gesten und Blicke genau festgelegt. Szenischer Realismus soll den alltagsfernen Gesang und die dort ausgesprochenen Gefühle begleiten. Das Libretto von 1791 steht einer solchen quasi filmischen Konzeption freilich im Weg. Mozarts Kollege Salieri, den man damals zuerst gefragt hatte, wusste, warum er es ablehnte, diese Krönungsoper nach einer alten Vorlage von Metastasio zu schreiben, deren Konventionen inzwischen längst überholt waren.

Mozart griff zu und ließ sich das Textbuch für seine restaurative, in aller Eile komponierte Huldigungsoper von Caterino Mazzolà bearbeiten. Doch auch die ziemlich schematische Einfügung von Ensembles konnte den Widerspruch zwischen veraltetem Konzept und Mozarts reifer musikdramatischer Ästhetik nicht völlig beheben. Miller, der bei der Premiere massive Buhs einstecken musste, begegnet dieser Schwierigkeit, indem er den Text aus heutiger Sicht beim Wort nimmt. Dadurch ergeben sich ironische oder kritische Brechungen, die im Stück so allerdings nicht intendiert sind. Was in Millers Figuren vorgeht, ist oft nicht recht nachvollziehbar.

In vokaler Hinsicht ist die Zürcher Produktion ein Glücksfall. Jonas Kaufmann mit geschmeidig-stabilem Tenor (Tito), Eva Mei mit souveräner stimmlicher Präsenz (als glamouröse Vitellia), Malin Hartelius (als schmeichelhafte-naive Servilia), Vesselina Kasarova (in ihrer Paraderolle des Sesto), Lilianu Nikiteanu (Annio) und Günther Groissböck (Publio) machen daraus ein wahres Gipfeltreffen des Mozart-Gesangs. Lediglich einige dramatische Passagen laufen da im Vibrato-Überschwang Gefahr, eher nach Verdi zu klingen.

Franz Welser-Möst animiert das reduzierte, teils "historisch" bestückte Orchester der Zürcher Oper zu präzisem, farbreichem, kammermusikalisch transparentem Spiel. Massive Tutti-Stellen mit dem exzellenten Chor (Ernst Raffelsberger) geraten jedoch manchmal etwas grell und ungezügelt. Dass die nicht von Mozart stammenden, von ihm aber vorgesehenen und "abgesegneten" Secco-Rezitative durch gesprochene italienische Dialoge ersetzt werden, lässt leider die musikalische Dramaturgie des Stücks noch hölzerner wirken, als sie ohnehin schon ist.

Weitere Vorstellungen heute sowie am 18., 22., 24. und 26. Juni
 
Aktualisiert: 28.04.2005, 06:17 Uhr
 

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