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Interview:
Was man lernen kann
VON WILHELM SINKOVICZ (Die Presse) 20.12.2004
Franz Welser-Möst denkt über künstlerische Intuition nach - und staunt über Salzburg.

A
m Dienstag, dem 21. Dezember, diskutieren im Wiener RadioKultur haus Nikolaus Harnoncourt, Anton Zeilinger und Georg Springer zum Thema "Die Kunst der Intuition". Im Vorfeld dieser Veranstaltung im "Presse"-Zyklus "kunst:werte" machte sich der Dirigent Franz Welser-Möst, eben auf kurzem vorweihnachtlichem Entspannungs-Aufenthalt im Salzkammergut, im "Presse"-Gespräch Gedanken über den gewählten Titel.

Der Begriff der Intuition wird, so sagt Welser-Möst, "im herkömmlichen Sprachgebrauch gern mit Eingebung übersetzt, was im Übrigen nicht ganz falsch ist. Aber es geht darüber hinaus. Wer sich mit dem Wort genauer beschäftigt, erkennt bald, dass es eigentlich das Erkennen des Wesens eines komplizierten Vorganges benennt."

"Das", so Welser-Möst weiter, "deutet darauf hin, dass man die Intuition, die ja auch mit Instinkt zu tun hat, schärfen kann, indem man etwas weiß, sprich: indem man sein Handwerk beherrscht, um die komplexen Vorgänge tatsächlich Bescheid weiß. Intuition im Sinne von: einfach wie's kommt - das kann's nicht sein."

Der Dirigent, der im Urlaub zur Abwechslung auch Zeit findet, ausgiebig in Zeitungen und Journalen zu blättern, hat jüngst ein schönes Exempel für seine Theorie über die Zeitung erfahren: "Da war gerade vor zwei Tagen ein Bericht zu lesen: Englische Wissenschaftler haben naturwissenschaftlich nachgewiesen, dass es den sprichwörtliche Sechsten Sinn wirklich gibt. Da konnte ein Mensch, der seit Geburt nicht sehen kann, Ausdrücke auf Gesichtern beschreiben! Insofern", sinniert Welser-Möst weiter, "ist die Intuition also eine Schärfung der Sinne, jedenfalls nicht Beliebigkeit."

Und ein weiteres Beispiel: "Meine Intuition beim Fußball hält sich zum Beispiel wesentlich in Grenzen, weil ich dafür nicht begabt bin und mich auch nicht damit beschäftige. Anders als am Zufall und an der Beliebigkeit kann man an der Intuition also auch arbeiten." Welser-Möst findet auch Beispiele aus seinem engsten Arbeits-Umfeld: "Intuition hat auch zu tun damit, sehr schnell auf etwas reagieren zu können. Ein Dirigent, der zum Beispiel das Opernhandwerk nicht gelernt hat, kann nicht instinktiv auf gewisse Situationen reagieren. Das muss ja dann oft sehr, sehr schnell gehen. Die Dinge müssen ins Unterbewusstsein abgespeichert werden, müssen in Bruchteilen von Sekunden abrufbar sein."

Die Ereignisse in der künftigen Führungs-Riege der Salzburger Festspiele treffen bei Franz Welser-Möst auf Verwunderung, zum Teil lösen sie sogar beinahe Verärgerung aus. Als der philharmonische Geschäftsführer Peter Schmidl jüngst bekannt gab, nicht wie vorgesehen an der Seite von Jürgen Flimm ins Leitungs-Gremium der Festspiele einziehen zu wollen, wurde bekannt, dass neben Schmidls Namen auch der des Dirigenten Franz Welser-Möst im Konzept Flimms aufschien, auf Grund dessen die Wahl des Kuratoriums stattfand.

"Ich war sehr erstaunt, aus der Zeitung zu erfahren, dass ich Teil des Konzepts von Herrn Flimm gewesen bin. Das war mit mir nicht abgesprochen!", sagt der Dirigent. Zwischen Flimm und ihm, so Welser-Möst weiter, hätte es vor Monaten einen kurzen Dialog gegeben, in dem er dem Regisseur mitgeteilt habe, für Kommissionen oder Besprechungsrunden nicht zur Verfügung zu stehen.

"Im Übrigen", so Welser-Möst, "wundert mich, dass sich vor einem Dreivierteljahr alle in der Branche einig waren, dass man sich beeilen sollte, einen Festspielchef zu finden. Jetzt (nach Peter Schmidls Rückzug, Anm.) wird plötzlich die Maxime ausgegeben, es sei keine Hast angesagt. Ich kann nur sagen: Wäre ich für die Salzburger Festspiele verantwortlich, bei mir würden die Alarmglocken schrillen."

Vor allem scheint man an der Salzach, so der Dirigent weiter, zu übersehen "dass Verträge im Musikbereich um ein Mehrfaches längerfristig verhandelt werden müssen als im Schauspielbereich. Da sollte man langsam schon die Frage nach der Verantwortung stellen."

"kunst:werte" 1040 Wien, Radiokulturhaus, 21. 12., 19.30 Uhr Tel. 501 703 77

 
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